Interview der Außenbeauftragten Elham Ahmad mit Rudaw

 

Rudaw: Wir befinden uns in Nord- und Ostsyrien und ich freue mich, Ihnen ein wichtiges Interview mit einem herausragenden Gast präsentieren zu dürfen, einer Diplomatin und Vertreterin Nord- und Ostsyriens, Elham Ahmad, die Ko-Vorsitzende des Außenbüros der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Willkommen, Frau Ahmad.
Elham Ahmad: Herzlich Willkommen, vielen Dank.

Es ist interessant, dass wir beide nicht aus Qamişlo stammen. Obwohl Sie aus Afrin stammen und ich aus Kobanê, sitzen wir hier zusammen. Vielen Dank, dass Sie dieses Interview angenommen haben. Frau Ahmad, Sie sind sehr aktiv, sehr engangiert in Ihrer Arbeit. Sie tragen eine enorme Verantwortung, nicht wahr?
Es ist eine nationale Verpflichtung, eine Revolution, die ein gewisses Stadium erreicht hat, in dem wir nun Ergebnisse sehen und unsere Pflicht erfüllen müssen.

Ich möchte zunächst nach dem Stand der Verhandlungen zwischen Ihnen und der Übergangsregierung in Damaskus fragen. Worum geht es dabei? Diese Treffen, die in Damaskus stattfinden – handelt es sich dabei um Verhandlungen, um einen Dialog? Was genau geschieht in Damaskus?
Tatsächlich steht das, was in Damaskus stattfindet, noch am Anfang. Wir können es nicht wirklich als richtige Verhandlungen bezeichnen. Es handelt sich um eine Form des Dialogs – das heißt, sie fallen in den Rahmen dessen, wie wir das Syrien-Problem angehen können. Als das Assad-Regime an der Macht war, repräsentierte dieses Regime eine Seite, das war klar, und dieses Regime war das Baath-Regime.

Gab es damals Gespräche?
Ja, es gab Gespräche. Wir haben große Anstrengungen unternommen, um Syrien vor der Krise zu bewahren. Die Gespräche mit dem Assad-Regime können auch nicht als Verhandlungen bezeichnet werden. Sie waren ebenfalls eine Form des Dialogs darüber, wie wir aus der Syrienkrise herauskommen können. Aber diese Gespräche haben nicht funktioniert. Nun möchte die neu eingesetzte Übergangsregierung die verschiedenen syrischen Akteure unter ihrem Dach vereinen, alle unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Teile der Gesellschaft berücksichtigen, sie einbeziehen und so gemeinsam ein neues Syrien aufbauen. Wir möchten ebenfalls eine Zusammenarbeit in Syrien erreichen. Wir glauben, dass wir Syrerinnen und Syrer sind. Wir sind kurdisch und syrisch, wir sind arabisch und syrisch, wir sind assyrisch-christlich und syrisch. Was uns alle verbindet ist unsere gemeinsame syrische Identität. Innerhalb dieses Rahmens fragen wir uns, wie wir gemeinsam ein neues Syrien aufbauen können.

Die Kontakte zwischen uns und der Übergangsregierung können als Dialog bezeichnet werden. Durch diesen Dialog können wir den Weg zu einer Lösung finden. Syrien hat die fundamtentale Krise noch nicht überwunden und sich noch nicht aus dieser Situation befreit. Wir fragen uns: Wie können wir dazu beitragen, Syrien aus dieser Krise zu retten, das Land zu Stabilität und einer politischen Übereinkunft führen? In diesem Rahmen finden die Gespräche derzeit statt. Gibt es jemanden, der diese Verhandlungen begleitet oder vermittelt?
Ja, es gibt Vermittler. Bei dem letzten Treffen nahm zum ersten Mal ein amerikanischer Vertreter teil, ein französischer Vertreter war ebenfalls dabei, und Großbritannien war indirekt beteiligt. Aber die Akteure, die sich an den Verhandlungstisch gesetzt haben – darunter unsere Delegation und die der Übergangsregierung –, haben sich nach einer Einigung über mehrere wichtige Punkte, die für eine Lösung erforderlich sind, zusammengesetzt und darüber diskutiert, welche Maßnahmen vereinbart werden können, um das am 10. März in Damaskus unterzeichnete Grundlagenabkommen umzusetzen. Wie können wir dieses Abkommen umsetzen? Mit welchem Ansatz? Darauf konzentrierten sich unsere Diskussionen.

Sind Sie zufrieden mit der Rolle des US-Gesandten für Syrien, Tom Barrack? Was ist seine Rolle in den Verhandlungen? Wie verhält er sich?
Es war das erste Mal, dass beide Seiten Herrn Barrack während dem Treffen sahen.

Waren Sie bei dem Treffen anwesend?
Es war das erste Mal, dass er persönlich an dem Treffen teilnahm. Meiner Meinung nach ist es, wie ich bereits an anderer Stelle erwähnt habe, sehr wichtig, die Akteure zu kennen, um eine positive und gute Rolle spielen zu können… Ich glaube, er hatte gehofft, dass bei dem Treffen einige Entscheidungen getroffen würden. Wir haben auch gesagt, dass bei diesem Treffen ein oder zwei Entscheidungen getroffen werden müssen, aber das ist nicht geschehen.

Warum?
Weil es die Vorstellungen darüber, was ‚Integration‘ heißt, auseinandergehen. Im Abkommen vom 10. März haben wir uns auf Integration und Partizipation geeinigt. Aber jede Seite interpretiert dies anders. Unsere Definition von Integration ist, dass sie gegenseitige Anerkennung beinhaltet. Das heißt, die Regierung in Damaskus muss uns anerkennen, genauso wie wir sie.

Erkennen Sie die Regierung in Damaskus nicht an?
Welcher Art der Anerkennung? Aktuell sind sie eine Übergangsregierung. Sie haben die Macht übernommen und wurden zur Übergangsregierung. Diese Entscheidung wurde nicht von der syrischen Bevölkerung getroffen. Aber sie kamen, stürzten Assad und wurden zur Übergangsregierung. Zum Beispiel haben sie eine Übergangsverfassung verkündet, die sie selbst entworfen haben. Außerdem bildeten sie eine Übergangsregierung und nun laufen die Vorbereitungen für die Bildung eines Parlamanets. All das sind unilaterale Maßnahmen.

Also haben sie sich nicht mit der Selbstverwaltung beraten, während sie all diese Dinge getan haben?
Es gab keine Konsultationen, weder mit uns noch mit anderen syrischen Bevölkerungsgruppen oder Akteuren. Diese Schritte wurden alle einseitig übernommen. Es gibt einen Akteur, der sich selbst zur Übergangsregierung erklärt hat, und wir stehen mit dieser Seite im Dialog, um das Grundlagenabkommen vom 10. März angemessen und ernsthaft umzusetzen.

Sie waren beim Treffen dabei und ich glaube, die andere Seite will, dass die SDF sich der syrischen Armee anschließt, oder? Sind Sie dagegen, dass die SDF ein Teil der syrischen Armee wird? Tom Barrack will das von Ihnen, oder nicht? Dass die SDF sich auflöst und Teil der Armee wird?
Es gibt eine solche Vereinbarung im Abkommen vom 10. März. Dort ist die Rede von Integration, das bedeutet, dass auch die SDF Teil der Armee wird. Es gibt diese Entscheidung, diese Vereinbarung.

Unter ihrem eigenen Namen als SDF?
Das steht zur Diskussion. Wenn die Gespräche beginnen, wird die Form, auf die wir uns einigen, als Grundlage dienen. Es ist nicht so, dass sie einfach kommen und sagen können: „Gebt eure Waffen ab“ oder „Bringt alle eure Kämpferinnen und Kämpfer und übergebt sie uns, vielen Dank.“ So ist die Lage nicht. Die Integration, von der wir sprechen, ist anders. Wir sagen, dass die Regierung in Damaskus den Willen der Menschen hier in Nord- und Ostsyrien anerkennen muss. Wie schützen sich diese Menschen? Wie wollen sie mit Damaskus einen Weg finden, um gemeinsam Verantwortung zu übernehmen? Damaskus muss alle Menschen als Syrerinnen und Syrer betrachten. Wie ich bereits erwähnt habe, hat sich beim letzten Treffen herausgestellt, dass die Menschen Teil einer Verwaltung sind, heute heißt sie ‚Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien‘, morgen könnte sie auch anders heißen. Aber es gibt eine Verwaltung mit Institutionen, die dieser Bevölkerung und den Menschen dienen. Die Integration, die Damaskus im Sinn hat, bedeutet, dass die Menschen in diesen Institutionen, von der Übergangsverwaltung in Damaskus nicht als Angestellte staatlicher Institutionen akzeptiert werden. Ihre Auffassung ist, dass es hier Menschen gibt, die kommen und sie ersetzen, die die Verantwortung übernehmen werden. Das war’s, die andere Seite wird keine Rolle mehr spielen.

Und Sie akzeptieren das nicht? Sie akzeptieren nicht, dass die Übergangsregierung kommt und diese Region verwaltet?
Nein, das stimmt nicht. Was die Integration betrifft, so fehlt den Kurdinnen und Kurden nach wie vor ein rechtlicher Status. Sie sind nicht offiziell anerkannt worden. Sie sind in der Verfassung nicht als eigene Ethnie in Syrien mit eigener Geschichte anerkannt worden. Und was ihr Recht auf Selbstverwaltung angeht, so leben die Menschen im Norden und Osten Syriens seit 13 Jahren in einem System, in dem sie sich selbst schützen und selbst verwalten. Sie haben massive Opfer gebracht und viele Gefallene zu beklagen. Sie haben großes Leid erfahren und wurden vertrieben. Wie sie sagen: „Wir haben unter dem Regime gelitten.“ Auch die Menschen hier in Nord- und Ostsyrien haben unter diesem Regime gelitten, Opfer gebracht und gegen den Islamischen Staat gekämpft. Deshalb kann in den allgemeinen nationalen Fragen Syriens niemand sagen: „Ich habe mehr getan und verdiene es, die Verantwortung für alles zu übernehmen.“ So sieht die Sache nicht aus. Auch die Menschen hier sind müde, auch sie haben Opfer gebracht, alle haben Opfer gebracht, also müssen wir uns zusammensetzen und überlegen, wie wir dieses Land wieder aufbauen und wie wir es verwalten können. Es muss ein gemeinsames Denken entstehen.

Sie haben nicht die Absicht, Syrien zu spalten? Ich frage das, weil viele Seiten Ihnen als Selbstverwaltung vorwerfen, Syrien spalten zu wollen.
Eine Spaltung muss einen Grund haben. Warum könnten Menschen eine Spaltung wollen? Dafür muss es Gründe geben. Diese Gründe werden zur Grundlage für eine Bevölkerungsgruppe, um über eine Abspaltung nachzudenken, und die Hauptgründe kommen in der Regel aus der Mitte. Wenn die Mitte die Rechte dieser Bevölkerungsgruppe wirklich anerkennt, sie als gleichberechtigt behandelt und ihren Willen respektiert, warum sollten sie dann eine Abspaltung anstreben? Seit Jahren wird über die Kurdinnen und Kurden gesagt, dass „sie Syrien spalten“. Heute wird dasselbe über die Drusinnen und Drusen in Suweida gesagt. In Suweida waren unter dem Baath-Regime die Drusen diejenigen, die sich am meisten zurückzogen, sich nicht am syrischen Bürgerkrieg beteiligten, niemanden töteten und friedlich blieben. Aber was widerfährt diesen Menschen heute? Sie sind von Auslöschung bedroht, werden als ‚Ungläubige, die ausgerottet werden müssen‘ und als ‚Spalter von Syrien‘ beschuldigt. Suweida ist eine Stadt – wenn sie eines Tages von dort abgetrennt würde, wohin würde sie gehen? Wenn Syrien geteilt würde, wohin würde es gehen?

Die Menschen in Suweida wollen sich also nicht abspalten, oder?
Nein. Unsere Beziehungen zu den Drusen sind sehr gut. Bis jetzt haben wir von keinem von ihnen gehört, dass sie sagen: „Wir wollen Syrien spalten.“ So etwas gibt es nicht. Sie wiederholen die Behauptung immer wieder. Gestern hat Hakan Fidan erneut gesagt, dass sie eine Spaltung nicht zulassen werden.

Sie meinen den türkischen Außenminister?
Ja. Er sagt, wenn Syrien geteilt wird, bedeutet das, dass auch die Türkei geteilt wird. Warum werden solche Aussagen getroffen, wenn ein Volk in Frieden leben und eine Einigung mit der aktuellen Regierung erzielen will? Die Idee einer kurdischen Abspaltung ist bisher von niemandem geäußert worden, sie entspricht auch nicht der Absicht von irgendjemandem. Wenn jedoch Rechte eingefordert werden und dies als „Abspaltung“ bezeichnet wird, dann hat die Person, die das so darstellt, schlechte Absichten.

Was für ein Syrien wollen Sie? Wollen sie ein föderales Syrien? Ein Syrien, in dem Sie autonom sind? Wollen sie ein dezentrales Syrien? Was für ein Syrien wollen Sie?
Wir haben immer klar gesagt: Der zentralisierte Staat bringt nicht als Leid über diese Gesellschaft, seit Jahrzehnten ist das so. Wir in Nord- und Ostsyrien leben als Bevölkerungsgruppen gemeinsam, in der Weiterentwicklung der Demokratie, der verschiedenen Systeme, die Demokratie zum Ausdruck bringen, wir zeigen, dass ein dezentrales System, dass die Staatsmacht gut verteilt auf den Zentralstaat und die Regionen, die eigene Last erheblich verringert.

Sie bestehen also auf einem dezentralisierten System?
Ja, ein dezentralisiertes System, dass die Lasten des Zentralstaats in Damaskus verringert. Lasst uns Verantwortung an die Regionen abgeben. Wenn Probleme auftreten, kann man sagen: „Wir überlassen es ihnen. Was es auch ist, löst eure eigenen Probleme.“ Bildung, Gesundheit, innere Sicherheit und Wirtschaft. Diese Bereiche müssen dezentralisiert werden, als Pflichten der Regionen, Städte und Provinzen. Geben sie es den Menschen dort, damit sie sich selbst verwalten können und Verantwortung übernehmen. Wenn es weiter ein zentralisiertes System wie vorher gibt, wo ein Mensch sagt „Das ist meine Entscheidung, die ich allen vorschreibe“, dann verschärft sich die Syrienkrise. Das vorherige System war so und es hat die Krise verschärft. Wenn die aktuellen Machthaber dasselbe tun, wird sich das Problem erneut vertiefen.

Sie werden ihr Militär, also die SDF nicht an Damaskus übergeben, sie werden die Institutionen der Selbstverwaltung nicht übergeben, nicht die Grenzen, nicht die Flughäfen. Was werden Sie an Damaskus übergeben? Haben Sie und Damaskus bereits Übereinkünfte erzielt?
Ja, es gibt Übereinkünfte. Die Dinge, die wir für richtig halten. Aber wenn wir von Dezentralisierung sprechen, bedeutet das nicht, dass nichts zentralisiert ist. Wir wissen, dass einige Dinge zentralisiert sind: Landesgrenzen zum Beispiel, Grenzübergänge, Flughäfen, Pässe, Ausweise – all das ist in allen föderalen Staaten an die Zentralregierung gebunden. Wir sagen nicht, dass alles dezentralisiert werden muss. Nein, aber Dienstleistungen, Kultur und Sprache – all diese Aspekte müssen dezentralisiert werden. Zum Beispiel gibt es heute hier viele Kurdinnen und Kurden, die kurdische Sprache kann hier die Hauptsprache sein, aber in einer anderen Stadt, an einem anderen Ort, muss es nicht unbedingt Kurdisch sein.

Sie sagen also die kurdische Sprache sollte die erste Sprache in Rojava sein?
Ja, lasst es die erste Sprache neben Arabisch sein, Kurdisch sollte an erster Stelle stehen, neben Arabisch. Es gibt assyrische Christen, also sollte auch Aramäisch anerkannt werden, aber diese Kulturen existieren in Idlib möglicherweise nicht, in Idlib reicht Arabisch, an der Küste auch, aber in Afrin sollte Kurdisch die Hauptsprache sein. Ein dezentrales System macht die Situation viel einfacher, innere Probleme verschwinden, denn es sorgt dafür, dass die Menschen wirklich das Gefühl haben, Rechte zu haben, einen eigenen Willen zu haben und sich aus diesem Willen an diesem Staat zu beteiligen. Nicht mit Gewalt, „Du musst Araber sein!“, aber ich bin kein Araber. Nein und wenn ich Arabisch spreche, kann ich mich vielleicht nicht so gut ausdrücken.

Ihr Arabisch ist gut. Es ist besser als meines… Aber Ihr Kurdisch ist besser als Ihr Arabisch.
Mein Kurdisch ist gut. Die Gesellschaft sollte nicht mit Gewalt regiert werden. Damaskus und die Staaten, die Einfluss auf Damaskus haben, müssen das verstehen. Wir haben nicht gesagt, dass wir nicht kapitulieren werden, aber die Frage der Kapitulation ist an sich schon problematisch. Wir wollen, dass Partizipation die Grundlage ist; freiwillige Partizipation. Wenn die SDF beispielsweise in der Armee mitwirken, welche Armee gibt es denn derzeit in Damaskus?

Es gibt keine Armee.
Was gibt es derzeit in Damaskus? Wir können es gemeinsam aufbauen. Lasst es uns gemeinsam aufbauen. Schaffen wir ein internes Sicherheitssystem? So wie unsere Herzen an Qamişlo hängen, sollen sie gleichzeitig auch an Hama, Homs und Latakia hängen. Wir betrachten ihre Sicherheit als unsere eigene Sicherheit. Dafür beteiligen wir uns freiwillig am inneren Sicherheitssystem, schaffen es gemeinsam und bilden gemeinsam Regionalräte. Das ist nicht schwer. Aber diese Vorstellung „Nur ich existiere, ich bin der Staat, ich bin alles“ – diese Vorstellung muss sich ändern.

Der Flughafen von Qamişlo ist unter ihrer Kontrolle. Sein Name steht dort auch in Kurdisch.
Der Name ist in drei Sprachen geschrieben.

Drei Sprachen, Kurdisch war davor nicht da. Nun steht dort der Name in Kurdisch, Arabisch…
Aramäisch und Englisch, also vier Sprachen.

Werden Sie den Flughafen in Zukunft verwalten?
Wir sind nicht darauf festgelegt. Wir wissen, dass das eine Frage der Souveränität ist, was bedeutet, dass sie mit der Zentralregierung verbunden ist und von dieser verwaltet wird. Aber hier, in der Provinz, in der er sich befindet, gibt es eine Art Garantie oder sagen wir eine Möglichkeit, wie dieser Flughafen der Gesellschaft am besten dienen kann? Das muss diskutiert werden.

Wir haben über Dezentralisierung gesprochen. Der Präsident der Autonomen Region Kurdistan, Nechirvan Barzani, hat ebenfalls mit Ahmed al-Scharaa und Tom Barrack darüber gesprochen. Er sagte, es müsse eine dezentralisiertes Syrien geben. Sie haben Erbil besucht, und ich habe gesehen, dass Sie sich mit Präsident Barzani getroffen haben. Ich wollte wissen, wie Sie seine Rolle sehen.
Seine Rolle wird sehr geschätzt. Es ist eine positive Rolle, insbesondere angesichts der Probleme, mit denen Rojava – oder Nord- und Ostsyrien – heute konfrontiert ist. Seine persönlichen Beziehungen zu führenden Politikerinnen und Politikern weltweit und sein Dialog mit der Übergangsregierung in Damaskus sind von großer Bedeutung. Nach dem, was wir gesehen haben, und aufgrund unserer direkten Kontakte – einschließlich Telefonaten – können wir sagen, dass seine Rolle positiv war und Dank verdient. Wir hoffen auch, dass sein Engagement noch weiter zunimmt, damit wir uns in diesen kritischen und schwierigen Zeiten gegenseitig besser unterstützen und enger zusammenarbeiten können, um zur Lösung der Krise in Nord- und Ostsyrien beizutragen.

Kürzlich habe ich Sie sagen hören: „Wir stehen in direktem Kontakt mit der Türkei.“ Haben Sie die Türkei besucht?
Es gibt Gespräche, es gibt einen offenen Kanal. Es gibt direkte Gespräche und einen Dialog, und diese Gespräche sind notwendig. Wir halten sie für wichtig – insbesondere, als zwischen uns Krieg herrschte und die Lage außer Kontrolle geriet. Es gab sehr heftige Angriffe und großen Widerstand. Jetzt, zumindest auf der Verhandlungsebene, wird statt direkt mit Waffen zu kämpfen, geredet. Es gibt Verhandlungen – was ist das Problem, wie kann es gelöst werden, wie können wir uns verstehen? Das gibt es.

Aber ich möchte eine klare Antwort – waren Sie in der Türkei? Nach meinen Informationen haben Sie sich mit dem stellvertretenden Leiter des türkischen Geheimdienstes getroffen. Stimmt das?
Lassen Sie uns nicht zu viel preisgeben, es gibt Verhandlungen und wir sehen sie als gut und positiv an. Wir konzentrieren uns darauf, die Probleme in der Region zu lösen und unsere Gespräche dauern an.

Werden diese Gespräche also fortgesetzt?
Ja, wir möchten grundsätzlich, dass sich der Dialog weiter verbessert. Anstatt auf Drohungen zu setzen, müssen wir uns zusammensetzen, einander verstehen und über die tatsächlichen Probleme sprechen – was will die Türkei? Ihre Gespräche mit Damaskus sind wirklich sehr intensiv. Das wissen wir. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass sie mehr für Damaskus sprechen als Damaskus selbst. Das verstehen wir auch. Aber heute denken wir zumindest an ganz Syrien, und sie sagen, dass sie das auch tun. Der Nordosten Syriens ist Teil Syriens, daher müssen sich die Beziehungen auf dieser Ebene verbessern.

Haben Sie Verhandlungen mit dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan geführt?
Wir erhalten direkt aktuelle Informationen. In einer heiklen Zeit ergab sich für Abdullah Öcalan die Gelegenheit, mit den relevanten Akteuren in Kontakt zu treten, und er kündigte eine wichtige und mutige Initiative an. Meiner Meinung nach ist diese Initiative nicht nur an die Kurdinnen und Kurden, sondern an den gesamten Nahen Osten gerichtet. Es ist ein Friedensprozess, der in der Geschichte seinesgleichen sucht. Zu einer Zeit, als alle sagten: „Es ist vorbei, es ist verloren“, während der Widerstand stark war. Trotzdem sagte er: „Die Ära des bewaffneten Konflikts ist vorbei, und die Zeit der Partei ist vorbei. Die PKK hat ihre Rolle gespielt, und jetzt ist eine Veränderung notwendig.“ Er hat eine solche Initiative vorgestellt.

Auch hier habe ich keine eindeutige Antwort auf meine Frage erhalten. Haben Ihre Verhandlungen mit Öcalan direkt stattgefunden? Haben Sie oder ein anderer Politiker mit ihm gesprochen? Ich glaube, er hat mit Ihnen gesprochen. Ich bin mir nicht sicher.
Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Diplomaten geben solche Antworten. Aber zumindest hat es stattgefunden?
Lassen Sie es mich so sagen: Es gab einen Kontakt, und wir erhalten Informationen. Das Wichtigste ist, dass die von ihm vorgeschlagene Initiative große Auswirkungen hatte und sehr wichtige Ergebnisse für Rojava und Nord- und Ostsyrien gebracht hat. Denn der Friedensprozess ist wichtig für Nordkurdistan und alle vier Teile von Kurdistan.

Herr Öcalan hat die PKK aufgefordert, die Waffen niederzulegen. Hat er Sie gebeten, dasselbe zu tun?
Die Waffen niederzulegen steht nicht auf unserer Agenda – ganz und gar nicht. Die Lage in Syrien ist nach wie vor gefährlich. Vor den Augen der Welt werden immer noch Menschen getötet und massakriert. Unter diesen Umständen die SDF zur Entwaffnung aufzufordern, ist, als würde man ihnen sagen, sie sollen in den Tod gehen. Daher ist es sehr gefährlich. Im Rahmen der Gespräche zur Lösung der Probleme Syriens stellt sich die Frage, welche Rolle die Kurdinnen und Kurden, die Selbstverwaltung und die SDF beim Wiederaufbau Syriens spielen werden. Diese Fragen sollten während der Gespräche behandelt werden.

Herr Öcalan hat kürzlich gesagt, dass er sich mit kurdischen Führungspersönlichkeiten, darunter auch Ihnen, treffen möchte. Gibt es Pläne für einen Besuch bei ihm? Das ist für die Kurden wirklich sehr wichtig.
Ich würde ihn wirklich gerne treffen. Wenn es dazu kommt, wäre das sehr positiv, aber…

Planen sie, ihn zu treffen?
Wir wurden noch nicht offiziell angefragt. Ich persönlich halte es für notwendig. Wenn es dazu kommt, wird es meiner Meinung nach sehr positive Auswirkungen haben.

Haben Sie die Videobotschaft von Herrn Öcalan aus dem Gefängnis auf Imrali gesehen?
Ja.

Wie haben Sie reagiert?
Seine Ideen, der Geist und die Moral, die er – selbst in seinem Alter – mit solcher Entschlossenheit und Klarheit in Bezug auf Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit vermittelt, sind beeindruckend. Seine Vorschläge sind inklusiv, nicht nur für Kurdinnen und Kurden, sondern für alle Bevölkerungsgruppen, deren Rechte verweigert wurden. Er spricht von einem neuen demokratischen System, das Staaten neu organisiert und Republiken wiederherstellt.

Die Konferenz für die kurdische Einheit fand hier in Qamişlo statt. Es wurde eine kurdische Delegation gebildet, um Gespräche mit Damaskus zu führen. Die Delegation ist jedoch noch nicht nach Damaskus gereist. Stattdessen war es eine Delegation der Selbstverwaltung, mit Ihnen und auch mit Herrn Mazloum Abdi. Alle hatten erwartet, dass die kurdische Delegation fahren würde, aber das ist nicht geschehen. War die Delegation nicht bereit zu fahren oder war Damaskus nicht bereit, sie zu empfangen?
Die Delegation ist bereit. Ihr Papier ist ebenfalls fertig. Aber Damaskus hat sich noch nicht darauf vorbereitet, sie zu empfangen. Daran wird gearbeitet. Wir gehen davon aus, dass in Zukunft ein Termin für ein Treffen festgelegt werden muss, wenn Damaskus bereit ist.

Ist Damaskus bereit? Gibt es irgendwelche Probleme?
Bis jetzt gibt es keine Probleme mit der Delegation.

Ihre Besuche in Damaskus werden den Besuch der kurdischen Delegation nicht behindern?
Nein, das glaube ich nicht.

Einige glauben, dass Sie ohne sie allein nach Damaskus reisen werden.
Nein, das glaube ich nicht. Die derzeitige Delegation, die Gespräche mit Damaskus führt, vertritt den allgemeinen Rahmen der Selbstverwaltung. Die innerkurdische Delegation hingegen konzentriert sich auf die Rechte der Kurdinnen und Kurden – die verfassungsrechtliche Anerkennung, die Rolle der Kurdinnen und Kurden im neuen System und im neuen Syrien.

Sie fahren auch nach Damaskus. Fahren Sie nicht auch wegen der Rechte der Kurdinnen und Kurden dorthin?
Wir fahren hauptsächlich wegen eines dezentralisierten Systems und der SDF, wegen der Frage, wie das Verwaltungssystem Syriens aussehen könnte. Wir diskutieren auch die Rolle, die die SDF im neuen Syrien spielen wird.

Ist die Selbstverwaltung von neuen Angriffen bedroht?
Wir hoffen wirklich nicht, denn Syrien hat genug Kriege hinter sich. Dennoch gibt es Kräfte, die versuchen, Konflikte zu schüren. Es gibt Parteien, die mit allen Mitteln einen Krieg entfachen wollen. Zum Beispiel die ‚Stammesmobilisierung‘ – der Aufruf an die Stämme, nach Suweida zu gehen, um gegen die Drusinnen und Drusen zu kämpfen. Auch die Stammeskämpfer kamen aus dieser Region. Diese Kämpfer sorgen für eine sehr gefährliche Situation.

Stellt dies keine Gefahr für die Selbstverwaltung dar?
Das tut es. Dennoch kann ich sagen, dass es aus unserer Region keine nennenswerte Reaktion auf die Stammesmobilisierung gab. Einige sind zwar hingegangen, um die Leichen der Stammesangehörigen zu bergen. Aber grundsätzlich besteht eine solche Gefahr. Ich kann sagen, dass unsere arabischen Brüder in dieser Hinsicht vorsichtig sein müssen. Unsere Region ist stabil; die Menschen kümmern sich um ihr Leben, auch wenn die Lage schwierig ist, sie kommen mit ihrer eigenen Kraft zurecht. Warum sollten sie ihre Gebiete verlassen und nach Suweida gehen, um sich dort töten zu lassen? Warum die Lage hier stören? Es gibt Leute, die daraus Kapital schlagen, innerhalb der Übergangsregierung gibt es Leute, die die Fäden ziehen. Auch in den Nachbarländern gibt es Leute, die die Fäden ziehen. Das wird nicht gut enden, deshalb betone ich, dass es sehr wichtig ist, nicht in diese Falle zu tappen.

Lassen Sie uns auch über unangenehme Möglichkeiten sprechen. Wenn es einen Angriff auf Rojava gibt, wie es in Suweida oder bei den Alawiten geschehen ist – Massaker in den Küstenregionen –, wer wird Sie dann schützen?
Wir haben uns immer selbst geschützt – mit Unterstützung der internationalen Anti-IS-Koalition. Wir hatten die Unterstützung kurdischer Akteure. Auch in Zukunft haben wir eine Gemeinschaft und internationale Beziehungen, um uns selbst zu schützen. Wir haben auch innerkurdische Beziehungen. In einem solchen Szenario wird es meiner Meinung nach zu einer allgemeinen Mobilisierung unter den Kurdinnen und Kurden und den Syrerinnen und Syrern insgesamt kommen. Das ist notwendig. Ich glaube, dass der Geist der kurdischen Identität und Verantwortung vorhanden ist.

Sie halten einen solchen Angriff auf Rojava also für unwahrscheinlich?
Das sollte nicht passieren. Es sollte nicht passieren.

Welches Land sehen Sie als Ihnen am nächsten?
Sie meinen ausländische Länder?

In Europa und im Westen…
Das zu sagen, wäre vielleicht nicht sehr sachlich. Bis jetzt sind beispielsweise unsere Beziehungen zu Frankreich sehr gut. Wir haben auch Kontakte zu einigen anderen Ländern, wie beispielsweise Deutschland. Es wäre nicht sachlich, das zu sagen. Wir haben gute Beziehungen. In schwierigen Zeiten wenden sich einige von ihnen selbst an uns und fragen, wie sie helfen können.

Wenn etwas Dringendes anfällt, haben Sie hochrangige Kontakte in diesen Ländern?
Ja, in vielen Ländern. In den USA haben wir beispielsweise Kontakte ins Weißen Haus und ins Pentagon – auf vielen verschiedenen und hohen Ebenen.

Sie stammen aus Afrin. Ich möchte Sie zu Afrin, Serekaniye (Ras al-Ain) und Girê Spî (Tal Abyad) befragen. Wie sehen Sie deren Zukunft?
Was Afrin, Serekaniye und Girê Spî betrifft, so sind die Gespräche noch im Gange. Wir haben vereinbart, einen Ausschuss einzurichten. Dies war auch Teil des Grundlagenabkommens vom 10. März. Es gab einen speziellen Punkt bezüglich der Rückkehr von Vertriebenen in ihre Heimat. Wir haben einen Ausschuss für Afrin gebildet, aber danach hat Damaskus keine Sitzung abgehalten. Es ist eine Sitzung erforderlich, um die offizielle Rückkehr der Vertriebenen offiziell zu besprechen. Es gibt Menschen aus Deir ez-Zor, die derzeit in Afrin leben und in ihre Heimat zurückkehren sollten. Wir haben gesagt, dass sie zurückkehren können, dass wir garantieren, dass ihnen nichts passiert. Im Gegenzug muss unseren Menschen in den Lagern, die unter erbärmlichen Bedingungen leben, die Rückkehr nach Afrin gestattet werden. Was Serekaniye und Girê Spî betrifft, so führen wir Gespräche mit der Türkei und Damaskus, damit die Menschen zurückkehren können. Die türkische Seite sagt: „Wir haben das Gebiet an Damaskus übergeben“. Aber wir gehen davon aus, dass einige Gruppen dort weiterhin Verstöße begehen. Serekaniye und Girê Spî wurden noch nicht an die Regierung übergeben, und Kämpfer, die sich den Türken verbunden fühlen, sind immer noch dort. Daher muss auch die Zukunft dieser Gebiete diskutiert werden, damit die Menschen nach Hause zurückkehren können.

Wann werden wir Sie in Afrin sehen?
Ich möchte in naher Zukunft dorthin reisen. Das ist meine Hoffnung. Wir setzen alles daran, diese Situation so schnell wie möglich zu lösen.

Glauben Sie also, dass die Menschen aus Afrin zurückkehren werden und die demografischen Veränderungen nicht von Dauer sein werden? Werden wir das Afrin vor der Besatzung wiedererkennen?
Die Menschen werden zurückkehren. Es gibt keine Alternative. Sie müssen zurückkehren. Die Zerstörung ist massiv, aber wir glauben, dass unser Volk es wieder aufbauen wird, wenn es zurückkehrt.

Sie haben viele Teile Kurdistans bereist, insbesondere Rojava. Welche Stadt hat Ihnen am besten gefallen?
Afrin ist sehr schön – seine Natur und seine Menschen. Alle unsere Städte sind schön, aber Afrin ist etwas ganz Besonderes, sowohl geografisch als auch in Bezug auf seine Schönheit. Ich habe auch Städte im Süden, Norden und Teile Ostkurdistans besucht. Es gibt sehr schöne Städte.

Gibt es eine Stadt, die einen besonderen Platz in Ihrem Herzen einnimmt?
Das ist offensichtlich.

Liegt das daran, dass Sie aus Afrin stammen?
Afrin hat einen ganz besonderen Charakter. Es ist nicht nur eine geografische Frage. Es geht um Geschichte und Erinnerungen. Jeder Ort in Kurdistan ist wunderschön.

Sie möchten also bald nach Afrin reisen? Ist es Ihnen derzeit möglich, dorthin zu reisen?
Das ist schwierig. Die Sicherheitslage ist problematisch, und es gibt derzeit keine offizielle Genehmigung von der anderen Seite, die einen solchen Besuch ermöglichen würde.

Sie reisen viel, besuchen Kurdistan, Europa und Amerika. Aber ich habe Sie zuvor gefragt, ob Sie kürzlich in der Türkei waren, und Sie haben keine klare Antwort gegeben.
Ich war schon einmal dort.

Aber ich frage nach Besuchen in der letzten Zeit. Besteht während dieser Reisen eine Gefahr für Ihr Leben?
Ja, es besteht eine Gefahr. Aber wir treffen auch Sicherheitsvorkehrungen, um uns zu schützen.

Es hat mich sehr gefreut, Sie interviewen zu dürfen. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Es war sehr schön, dieses Interview hier in Qamişlo zu führen. Ich habe Sie immer im Fernsehen gesehen, aber dies ist das erste Mal, dass ich Sie persönlich treffe. Die Kurdinnen und Kurden loben Sie sehr und haben Ihnen sogar liebevolle Spitznamen gegeben – manche nennen Sie „unsere Diplomatin“. Diese Art der Anerkennung bedeutet auch eine große Verantwortung für Sie.
Das ist absolut richtig, es ist eine sehr schwere Verantwortung, die uns auferlegt wurde.

Ist Ihr diplomatisches Team stark?
Es ist in Ordnung, aber es muss noch verbessert und gestärkt werden. Welche Stärke wir auch haben, wir stellen sie in den Dienst unseres Volkes. Welche Ressourcen, welche Kapazitäten wir auch haben, wir widmen sie dem Dienst an unserem Volk. Wir verstehen uns als Dienerinnen und Diener des Volkes. So definieren wir unsere Rolle. Wir sind uns bewusst, dass wir in historischen Zeiten leben und eine historische Verantwortung tragen. Bis unsere Aufgabe erfüllt ist. Die Verantwortung dafür ist groß – das wissen wir sehr gut. Und deshalb gehen wir alle Herausforderungen mit Verantwortungsbewusstsein und der Hoffnung an, dass wir den Erwartungen unseres Volkes gerecht werden können.

(Das Interview wurde zuerst auf der Webseite der Nachrichtenagentur Rudaw veröffentlicht.)